Rotel Reiseblog

Erkundungsfahrt durch das „wilde“ Osttibet

Schon länger hatte uns das weitgehend unbekannte Gebiet zwischen den Provinzen Südwest-Chinas und der Autonomen Region Tibet sehr interessiert. Allein die sehr schwer zugängliche, von vielen tief eingeschnittenen Tälern durchzogene Hochgebirgsregion war wegen des Mangels an befahrbaren Straßen bisher kaum zu erreichen. In den vergangenen Jahren hat China jedoch im Zusammenhang mit seiner enormen wirtschaftlichen Entwicklung auch hier gewaltige Leistungen vollbracht: wo bisher nur „Eselspfade“ und Jeep-Pisten hinführten, kann man heute mit dem Auto hinfahren. Da Rotel Tours großen Wert darauf legt, solche Gebiete möglichst noch zu bereisen, bevor sie von der Woge der Modernisierung und allzu großen Touristenzahlen erreicht werden, verloren wir keine Zeit und brachen im vergangenen Sommer zu einer Erkundung ins „Wilde Osttibet“ auf. Unsere Erwartungen wurden in jeder Hinsicht übertroffen: wir hatten immer wieder das Gefühl, hier das echte Shangrila gefunden zu haben. Auf dieser Erkundungsfahrt ist die neue Rotel Tours Reise „Reise durch Osttibet von Kunming nach Lanzhou“ (71a) erarbeitet worden, die 2018 zum ersten mal angeboten wird.

Aufbruch Samstagabend

Wir treffen uns am Flughafen von Lijiang in der Provinz Yunnan. Alle haben einen weiten Weg hinter sich: Die Provinzexpertinnen Frau Cheng aus Kunming und Frau Wang aus Chengdu, der Organisations-Manager Herr Liyue aus Peking, und ich (Hans-Jürgen Ippich), der Vertreter von Rotel Tours, direkt vom Einsatz in der Mongolei eingeflogen. Schon nach kurzer Zeit haben wir das Gefühl, dass wir uns bestens verstehen, was auf den bevorstehenden, meist sehr langen und anstrengenden Etappen sehr wichtig ist. Im Laufe der Erkundungsreise habe ich immer viel mehr das Gefühl, mit Freunden unterwegs zu sein – nicht mit Geschäftspartnern! Es gibt kaum ein Thema, über das wir nicht reden könnten – jeder trägt dazu bei, dass wir möglichst viel Wichtiges über Land und Menschen sammeln können. An diesem Abend sitzen wir noch lang zusammen und erörtern, wie wir am besten fahren werden.

Am Sonntag

geht es schon früh weiter: wir wollen 2 Etappen an einem Tag schaffen. Herr Li, unser Fahrer aus Zhongdian mit seinem Toyota-SUV ist bereits eingetroffen und wir verladen unser recht umfangreiches Gepäck. Dann geht es los und bereits auf den ersten Kilometern stelle ich fest, wieviel sich seit meinem letzten Aufenthalt in und um Lijiang geändert hat. Wo vor 5 Jahren noch kleine Landstraßen verliefen, sind heute Autobahnen und aus dem gemütlichen Gebirgsstädtchen ist eine moderne Großstadt geworden. Gut, dass wir in einsamere Gegenden fahren!
Die früher recht einsame Strecke ist dicht befahren, vorwiegend von großen LKWs. In der Umgebung von touristischen Sehenswürdigkeiten, wie auch der Tigersprungschlucht, stehen Dutzende von Bussen. Auch das wird sich die nächsten Tage ändern. Am Mittag erreichen wir Zhongdian, das sich heute „Shangrila“ nennt – nicht so ganz zu Recht, wie ich finde, es ist auch schon eine moderne große Stadt geworden. Wir checken das für den Rotelbus vorgesehene Hotel -sehr passend- und fahren nach kurzer Rast weiter, am Napa-See vorbei. Über 1000 Höhenmeter geht es jetzt hinunter zum Yangtse, den wir dann im Ort Benzilan nochmals überqueren müssen. Aber, oh weh, diese Brücke ist nur für kleine Fahrzeuge, da werden wir für den Rotelbus etwas anderes suchen müssen. Fahrer Li weiß Rat: etwa 10 km unterhalb gibt es eine neue Brücke und eine Piste am Ostufer. Jetzt wird die Route schon abenteuerlicher, die Felsen stehen über und immer wieder liegen Brocken auf der Fahrbahn. Nach ca. 20 km endet die gute Straße und wir haben lange Piste und Baustellen. Zum ersten Mal höre ich einen chinesischen Ausspruch, der sich noch sehr oft wiederholen wird: nächstes Jahr ist fertig! – das stimmt aber meistens auch! Das Tal, es ist der reisende Dingchu, wird immer enger, und an der engsten Stelle liegt unser Tagesziel: Derong, das Tor Tibets. Es ist eine richtige Schlucht-Stadt, mehr über als an den Fluss gebaut, aber auf weite Strecke die einzige Übernachtungsmöglichkeit. Das Hotel ist ganz ok aber absolut keine Parkmöglichkeiten im ganzen Ort – das Auto bleibt auf der engen Straße. Lang suche ich nach einem Übernachtungsplatz für den Rotelbus – ohne Erfolg – sehr zu Liyues Freude, der sogleich eine Hotelnächtigung einplant. Ich schlage eine eventuelle Freiübernachtung weiter talaufwärts vor, muss aber bei der Weiterfahrt einsehen, dass das wegen der Enge des Tales nicht gehen wird. Irgendwie gefällt mir Derong, der Dingchu braust mit Hochwasser in einem engen Betonbett donnernd mitten durch den Ort.

Am Montagmorgen

fahren wir weiter das Tal hinauf, hier trifft man längst keine Touristen, auch nicht chinesische, mehr, nur noch Leute, die unbedingt zu einem entlegenen Ort reisen müssen. Die Landschaft wird immer fantastischer, wir versuchen mehrfach, in Seitentäler vorzudringen, müssen aber wieder zurück, weil die Piste zu eng wird. Einmal sehe ich ein Dorf, versteckt hinter Felsschluchten, das haargenau auf die Beschreibung im Hilton-Roman „The Lost Horizon“ passt, sogar ein Felskloster liegt darüber. Die Einheimischen hier oben sehen wohl selten Fremde, selbst Reisende aus anderen Provinzen sind offensichtlich etwas Ausgefallenes, erst recht aber eine Langnase. Alle sind freundlich und helfen uns weiter. Es geht wirklich nur noch steil rauf und runter: 4 hohe Pässe heute, jeder eine kleine Herausforderung, mal Schlamm, mal Felsbrocken, öfter wird gebaut. Aber alle haben Geduld – es muss wohl in früheren Jahren viel schlimmer gewesen sein. Heute gibt’s keine Mittagspause – da wäre auch die Zeit zu knapp, dafür 4x Pass-Pause mit einzigartigen Ausblicken und einer unvergleichlichen Pflanzenwelt. Nach dem Maan Shan Pass geht es tief hinunter nach Xiangcheng, hier ist alles aufgerissen und wird völlig neu gebaut, zum Glück finde ich nahe der Tankstelle ein Hotel, wo der Rotelbus  reinfahren kann. Wir fragen an und man heißt uns willkommen. Dann geht es weiter talabwärts, wir wollen eine neue Passstraße direkt nach Yading finden, aber hier wird noch gebaut, so dass wir lange stehen, ehe wir den Pass -4700 m – erreichen. Die Landschaft und die Dörfer hier oben sind großartig, wäre schön, wenn das später mal geht.
Als wir Yading – Shangrila erreichen, ist es schon Abend. Das hier ist schon ein Schock nach den einsamen schönen Strecken der vergangenen Tage: Yading ist eine Hotelsiedlung mit hunderten großen  teueren Hotels und Tausenden chinesischer Touristen, wirklich mit Kitzbühel in der Hochsaison zu vergleichen. Überall Verkehrsstaus und Menschentrauben. Wir müssen in einem der Nobelschuppen absteigen – es ist überall ausgebucht.

Am Dienstagmorgen

sind wir schon früh unterwegs, um unter den ersten zu sein. Trotzdem brauchen wir fast 2 Stunden bis wir im Shuttlebus sitzen, es waren schon sehr viele vor uns da. Der Bus braucht fast eine Stunde bis ins eigentliche Yading-Tal, zuvor halten wir noch kurz im dortigen Village (auch nur eine Hotelsiedlung), um unser Gepäck im Hotel zu deponieren. Am Ziel stehen schon lange Warteschlangen für die weiterführenden Minishuttles, daher beschließen wir, vom Shuttle-Bahnhof aus zu wandern, was sich als recht schön erweist. Hier gibt es mehrere Seen mit tollen Namen (z.B. „Perlen – Ozean“) – ganz gute Wanderwege, aber auch überall sehr viele Menschen. Außer Chinesen sehe ich keine anderen Besucher. Am späten Nachmittag nehmen wir den Bus zurück zum Hotel. Die Ausblicke von hier oben sind großartig.

Wieder brechen wir am nächsten Morgen, Mittwoch,

früh auf, um einen der ersten Shuttles zu erwischen, aber viele fahren einfach vorbei. Dennoch sind wir unter den ersten und können schon bald mit einem offenen Minishuttle weiterfahren – ganz schön kalt in der Morgenstunde auf dieser großen Höhe (4000 m). Vom Endpunkt aus wandern wir gleich weiter, wir hoffen die Seen auf 4500 m zu erreichen – ein recht anstrengender Aufstieg. Zunächst haben wir noch Ausblick auf die 3 Heiligen Weißen Bergspitzen, dann ziehen dichte Wolken auf. Der Weg geht erst weit an Flüssen und Teichen im Grünen entlang, dann aber immer steiler hinauf auf felsige Höhen. Wir erreichen zunächst den schönen türkisfarbenen Milchsee und schließlich den berühmten 5-Farben-See, der aber heute gar nicht so farbig ist, dafür ist es hier oben recht eisig. Große Herden von Himalayaziegen kreuzen unseren Weg, verziehen sich aber vor dem stark anwachsenden Besucherstrom. Kaum zu glauben, wer alles heraufkeucht, viele sind unzureichend ausgerüstet, manche dafür zu viel, naschen an der Sauerstoffdose, aber die meisten haben viel Spaß dabei und das Wichtigste scheint zu sein, sich überall vor der Bergkulisse fotografieren zu lassen, aber das kennen wir schon allzu gut.
Am Nachmittag treffen wir uns wieder an den Shuttle – Bahnhöfen, alle sind ziemlich fertig und wollen zurück. Bei der Rückfahrt geraten wir in ein starkes Gewitter, wir haben Glück gehabt, dass wir schon im Bus sitzen.
Im Ganzen muss man anerkennen, dass Yading doch sehr schön ist und auch die Shuttles sehr gut organisiert sind. Mir sind es einfach zu viele Menschen auf engem Raum, aber das scheint man hier gewöhnt zu sein und sogar zu mögen.
In Shangrila erwartet uns schon Li und wir haben noch einige Stunden bis Daocheng über hohe Pässe zu fahren und kommen fast in Schneegestöber. Daocheng ist recht modern, aber wir finden kein Hotel mit geeignetem Rotel-Standplatz. Dennoch müssen wir heute Abend hier bleiben. Zum Abendessen gibt es Sichuan-Feuertopf, wie üblich höllisch scharf, und mit undefinierbaren Fleischeinlagen.

Am Donnerstagmorgen

regnet es, auf den umliegenden Bergen hat es sogar geschneit – und das im Juli! Wir fahren etwa eine Stunde bis zu unserem ersten Aufenthalt, dem Bengpu-Gonpa, einem großen Kloster der uralten Karmapa-Schule. Es liegt sehr schön direkt am Fuß steiler Felsen. Von hier ab geht’s wieder stark bergauf. Wir passieren den angeblich höchstgelegenen Verkehrsflughafen der Welt auf über 4300 m und kommen über 2 Pässe von rund 4600 m. Wir finden eine karge Felslandschaft hier oben vor, voll mit riesigen Granitkugeln. Dann wird es langsam wieder grün, wir fahren über den Litang-Fluss und erreichen die größte Stadt in dieser Gegend: Litang auf knapp 4000 m Höhe. Das Litang-Stadtkloster ist gewaltig, es wird sehr viel gebaut, die Hallen haben kolossale Ausmaße, auch der Vorhof ist riesig. Ein ganz wichtiges Gelbmützen-Zentrum, traditionell ist Litang mit den Gelugpa verbunden: 2 Dalai Lamas stammen von hier – ihre Geburtshäuser sind heute Kapellen in der Altstadt. Wir finden ein gutes, rotelgeeignetes Hotel am Stadtrand, essen gut zu Mittag und fahren dann weiter durch einen Riesen-Tunnel. Bald wird es wieder sehr einsam, eine großartige Grassteppenlandschaft mit einigen Nomaden -Zeltsiedlungen und ihren Yakherden begleiten uns. Später fahren wir immer tiefer in grüne, enge Täler, es wird deutlich wärmer, erstmals kommen wir wieder unter 3000 m und überqueren den gewaltigen Yalong-Strom, dessen Tal wir nun ständig aufwärts folgen werden. Es verengt sich bald zur Schlucht und der Straßenbau hat hier noch viel zu tun, insbesondere werden viele Tunnels gebaut, um deren Baustellen wir heute noch waghalsig herumfahren müssen. Hochinteressant die vielen kleinen Dörfer und verstreuten Gehöfte: man erkennt bald, dass hier eine ausgefallene Region und Kultur ist, die bis vor kurzem noch völlig abgeschlossen lag. Die Häuser wirken oft wie alte Burgen und auch die vielen Bergklöster erscheinen uns mittelalterlich – wieder einmal echtes Shangrila! An der engsten Stelle liegt das Städtchen Xinlong, hier fahren wir leichtsinnigerweise von der Brücke herunter in das enge Gassengewirr und geraten in mehrere Sackgassen – mit dem Rotelbus werden wir besser oben bleiben. Aber wir wollen unbedingt das legendäre alte Bön-Kloster sehen. Schließlich finden wir es, weit außerhalb, aber es ist gar nicht so mysteriös wie angenommen. Dafür werden wir äußerst herzlich empfangen, hier kommen wohl selten auswärtige Besucher her, nicht einmal Chinesen. Alle sind hier fröhlich und neugierig, die kleinen Novizen ganz ausgelassen, und bei der anschließenden Puja wird extra laut gesungen – einer der Höhepunkte unserer Reise. Wir müssen im engen Stadtzentrum von Xinlong übernachten.

Der nächste Tag, Freitag,

beginnt mit einem Werkstatt-Besuch: ein Reifen ist platt. Dann weiter das Yalongtal aufwärts, hier fast noch schönere alte Dörfer und Klöster. An 2 Orten müssen wir bei Pilgerfesten verweilen – bunt und lebhaft, laut und fröhlich. Vor Gartse biegen wir ostwärts ab, meine chinesischen Begleiter wollen unbedingt das Tal von Serda mit der vielgerühmten Klosterstadt sehen. Aber Ausländer dürfen dort nicht hin, also werde ich als Chinese verkleidet: mit dem berüchtigten Mundschutz und einem tiefkrempigen Hut erkennt mich keiner als Langnase und wir kommen ungehindert durch alle Straßensperren. Abends muss ich allerdings im Zimmer bleiben, Liyue bringt etwas zu essen aus dem Ort.

Heute, Samstag,

brechen wir extrem früh auf, weil angeblich in Serda das Licht bei Sonnenaufgang am besten ist. Aber es ist noch stockfinster und eiskalt als wir ganz oben am Berg eintreffen. Und dann ist auch noch Nebel aufgezogen. Zunächst bin ich ein wenig enttäuscht. Dann aber wird es schnell wärmer und eine einzigartige Kulisse bietet sich: das ganze Tal ist mit Tausenden von bunten Hütten und Häuschen der Einsiedler angefüllt, dazwischen liegen viele gewaltige Golddachklöster und Paläste. Stundenlang wandern wir abwärts durch das Labyrinth. Dann aber drängt die Zeit wieder, wir müssen heute zwei Etappen bewältigen. Leider haben wir keine Gelegenheit, unterwegs die vielen schönen Dörfer näher zu sehen, die wieder in völlig anderer Weise gebaut sind. Nachmittags erreichen wir Gartse, finden hier ein Rotelbus-Hotel (namens „Gerste“) und fahren durch ein Labyrinth von Gassen hinauf zum Ganzi- Kloster, das aber eher eine Enttäuschung ist. Daher ziehen wir bald weiter und kommen nun in eine unerwartet schöne und wohlhabende Region, voll mit reichlich Gerstenfeldern und vielen schönen Lehmdörfern und Golddachklöstern. Nach manchem Aufenthalt erreichen wir schließlich abends das Etappenziel: Maniganggo, knapp 4000 m hoch, mit einem bescheidenen Hotel und ebensolchen Abendessen.

Zunächst fahren wir am Sonntagmorgen

noch südwestlich weiter – schon von weitem können wir die schroffen Zinnen des Chola-Shan Gebirges (6168 m hoch) sehen, am schönsten vom Gletscherblick aus. Dann wandern wir über eine Anhöhe (Gletschermoräne) hinunter zum Yilhun Lhatso, dem Heiligen See der Tibeter. Es ist ein wunderschöner klarer Morgen und der See liegt wie im Märchen, hat tatsächlich etwas Unwirkliches. Vor allem die vielen Mani-Felsen, sorgfältig behauene und teils farbig beschriftete große Felsbrocken, die über den Wasserspiegel aufragen, geben dem ganzen etwas Surreales. Alle empfinden, dass dies einer der schönsten Orte, sicher auch der schönste See auf unserer Reise ist. Außerordentlich viele Lamas sind hierher gepilgert, dafür nur sehr wenige andere Reisende. Wir wandern, bleiben bis fast mittags und können uns nur schwer trennen. Aber wir haben heute noch einen weiten Weg nach Nordwesten vor uns, wieder über mehrere hohe Pässe. Die Straße ist gut, neu gebaut, führt durch sehr einsame Grassteppen – nicht einmal Yakherden begegnen uns hier. Nahe dem Ort Zhuqing sehe ich in der Ferne riesige goldene Dächer vor schroffen hohen Bergen, und wir machen, trotz schlechter Piste, einen Abstecher dorthin. Durch ein gewaltiges Tor mit der Aufschrift Dzogchen-Gonpa gelangen wir in eine Prunk unvorstellbaren Ausmaßes, alles goldglänzend, prachtvoll – und nagelneu. Wir erfahren, dass dies das Zentrum der Dzogchen-Schule sei und von privaten Spenden finanziert werde. Auch hier erscheinen die Hallen und Paläste in übermäßigen Dimensionen. Noch weit müssen wir heute fahren und treffen erst abends in der modernen Kreisstadt Shiqu bei einem recht schönen Hotel ein.

In der Nacht hat es stark geregnet, es weht ein eisiger Wind, als wir am Montag weiterfahren.

Schon nach einer halben Stunde kommen wir am Sershul Gonpa an. Hier haben sich schon am frühen Morgen Tausende von Mönchen versammelt um am Großen Klosterhof zu debattieren – immer in Gruppen von etwa 8. Der ganze Vorhof ist dunkelrot vor Mönchsroben, man sagt uns, dass es rund 3000 sind und dass sich alle auf die bevorstehende Lama – Prüfung vorbereiten. Ich mache einen Rundgang durch zahlreiche Kapellen und Hallen – auch hier vieles neue, und nur wenig alte, dunkle Hallen. Ein eindrucksvoller, sehr lebendiger Ort! Oberhalb der Klosterstadt sehen wir viele Pilger auf dem steilen Kora – Umrundungsweg.
Wir müssen weiter und erreichen schon bald an einer Passhöhe die Grenze nach Qinghai. Wir verlassen Sichuan und fahren nun ständig stark bergab, bis wir den Yangtse erreichen, der hier allerdings den Namen seines Quellflusses: Tongtian He, trägt. Jetzt ist wieder das moderne China gegenwärtig: auf Autobahnen und durch große Tunnels erreichen wir die große Stadt Yushu. Hier heißt es Abschied nehmen von unseren Begleiterinnen aus Yunan und Sichuan, sie fahren nach dem Mittagessen mit Li zum Flughafen, um am Nachmittag heimzufliegen. Alle sind ein wenig traurig, es war eine schöne gemeinsame Reise, insbesondere die Picknicks unterwegs – von den Damen sorgfältig mit Leckerbissen, wie z.B. Kuchen mit Rosenfüllung vorbereitet – werden uns fehlen.
Am Hotel erwartet uns bereits der Qinghai-Fahrer mit seinem Wagen, er ist 2 Tage aus Xining angereist und wird uns dorthin zurückbringen. Sein Name ist Losang, er ist ein echter Tibeter, und wie sich bald zeigt, kennt auch er sich bestens aus. Schon an diesem Nachmittag zeigt er uns viele interessante Plätze, insbesondere die größte Mani-Mauer der Welt – mit angeblich 2,5 Milliarden behauenen Manisteinen und viel buntem Pilgerbetrieb, dann die Kapelle mit dem angeblichen Grab der Kaisertochter Weng Cheng, die im 7. Jahrhundert mit dem Tibet-König Songtsen Gampo vermählt wurde. Auf meinen Wunsch fährt uns Losang sogar den steilen Weg zum Jiegu-Gonpa hinauf, das imposant auf den Felsen über der Stadt thront. Wieder haben wir Glück: auch hier oben haben sich heute Tausende Mönche und Pilger zu einem großen Fest im inneren Klosterhof versammelt. Eine große Anzahl hochstehender Geistlicher und sogar Lebende Buddhas sind erschienen. Ein sehr eindrucksvoller Anblick inmitten der Grau und rotgefärbten Mauern dieses alten Sakyapa-Klosters. Auch einen guten Rotel-Stehplatz finden wir schließlich wir wieder ins Stadtgebiet hinunterfahren. Am Abend unternehme ich einen ausgedehnten Stadtbummel. Yushu ist eine besondere Stadt. 2010 wurde es durch ein schweres Erdbebensicher zerstört und mittlerweile wieder völlig modern wieder aufgebaut. Gut dreiviertel der Bevölkerung sind Tibeter. Ein Ausländer scheint ein seltener Anblick zu sein, die Einheimischen scharen sich um mich, als ich das riesige Denkmal des tibetischen Nationalhelden Gesar besuche. Alle sind sehr freundlich und – neugierig!

Am Dienstag haben wir sehr weit zu fahren,

allerdings auch durchweg gute neue Straßen und Autobahnen. Trotzdem nehmen wir uns unterwegs noch Zeit für diverse Abstecher: das Drei-Flüsse-Denkmal, das daran erinnert dass hier in Qinghai drei der größten Ströme der Welt: Yangtse, Mekong und Gelber Fluss entspringen. Die Fahrt geht ständig bergauf, aber man merkt gar nicht, dass man schon ständig auf rund 5000 m Höhe ist, es erscheint hier oben alles wie eine gleichförmige Ebene, und die Landschaft wechselt über hunderte von Kilometern kaum. Dies ist nun wirklich das Dach der Welt! Am höchsten Pass, dem Batang Ke La, überqueren wir die Kontinentalwasserscheide zwischen Yangtse und Huanghe, rund zwei Stunden später überqueren wir dann den hier noch kleinen Gelben Fluss. Kurz danach erreichen wir den Etappenort Madoi und finden hier auch ein Rotelbus-Hotel. Ich möchte unbedingt den Ngoring Tso besuchen, aus dem der Huanghe entspringt, also fahren wir rund 50 km Rüttelpiste nach Westen – und sehen nicht viel mehr als unterwegs zuvor: einen flachen großen Steppensee. Danach haben wir noch weit zu fahren, heute Abend werden es 730 Tageskilometer sein! Auch das Amnyemachen-Gebirge, das wir nachmittags überqueren, ist nicht so imposant wie ich erwartet hatte, die heiligen Schneegipfel liegen viel weiter östlich. Wir kommen gut voran, verlassen schließlich die Qinghai-Hauptroute, um den einzig möglichen Übernachtungsort, die Kreisstadt Xinghai, zu erreichen. Hier fällt mir auf, dass sehr viele Muslime sich neben den Tibetern angesiedelt haben und viele Geschäfte und Lokale eröffnet haben. Zum Abendessen gibt es daher heute leckere Kebab-Spieße. Das Hotel ist gut, hat aber nur Parkmöglichkeiten an der Straße davor.

Mittwoch: unser letzter Reisetag.

Da es nicht mehr so weit bis Xining ist, haben wir uns erkundigt, ob es in der Umgebung nichts Sehenswertes gibt. Losang fährt uns daher auf einem Nebensträßchen bis zu einem tiefen Canyon in einem Lössgebirge und durchquert dieses tiefe Tal auf die gegenüberliegende Seite. Es sind zahlreiche enge Kurven zu bewältigen – ich weiß nicht, ob das etwas für unseren Rotelbus wäre, obwohl ich manchen Fahrer kenne, der daran sogar Spaß hätte. Nass dürfte es jedenfalls nicht sein! Als wir den Canyon schon weit hinter uns haben, ändert sich die Szenerie: Schroffe Kalkgebirge erheben sich direkt vor uns, die Piste wird immer schlechter, (aber: nächstes Jahr ist es fertig!!) – Jetzt scheint die Welt zu Ende, aber Losang fährt weiter – und plötzlich taucht tief unter uns ein großes, sehr schön gelegenes Kloster auf. Allein dies ist die Mühe wert. Wir besichtigen die interessanten Bauten, aber ich habe etwas entdeckt, was mich noch mehr interessiert: in die steilen Felsen hinter dem Kloster ist ein Kora – Umrundungsweg eingehauen. Losang bietet mir an, mich auf der anderen Seite der Berge abzuholen, und ich beginne mit dem Steilaufstieg. Liyue lässt sich absolut nicht überreden, mitzugehen – er hat noch vom Milchsee in Yading genug! Schon bald sehe ich, dass dies eine der schönsten Wanderungen der ganzen Reise ist – wie so oft im Leben, wenn uns etwas Unerwartetes begegnet. Herrlich sind die Ausblicke nach allen Seiten, unheimlich die vielen Höhlen und Einsiedeleien – wieder ein echtes Shangrila! Auf dem ganzen weiten Weg begegnen mir drei Pilger, die mich erstaunt betrachten und auffordern, mit ihnen entgegengesetzt zu pilgern, denn ich gehe, um abzukürzen, gegen den Uhrzeigersinn, was ja nur die Bönreligion erlaubt. Ganz oben treffe ich auf zahlreiche Himalaya-Wildziegen – unseren Gemsen sehr ähnlich – die sich nicht stören lassen und teilweise einfach auf dem Weg liegenbleiben. Das Zusammentreffen mit Losang und Liyue läuft wie geplant, und wir haben sogar noch Zeit für ein Picknick mit einem Eimer voll fettem Yak-Yoghurt, den ich zuvor bei den Nomaden erworben hatte. Losang hat Yak-Trockenfleisch und Liyue Fladenbrot und Kebab dabei. Noch ein letztes Mal auf dieser Reise ein perfektes Picknick!
Dann ist es Zeit, diesen wunderschönen Platz zu verlassen und wir kehren zur Qinghai-Autobahn zurück, um die letzten Abschnitte bis Xining zu bewältigen. Nachmittags macht Losang nochmals einen Umweg auf einem engen Bergsträßchen, um uns einen Ausblick auf Chinas größten Salzsee Koko Nur, zu ermöglichen. Aber unvermeidlich: hier stoßen wir wieder auf den chinesischen Massentourismus – an jeder Ecke Trauben von Menschen und Autos. Jeder Grundstücksbesitzer verlangt eine hohe Eintrittsgebühr für den Ausblick. Viele Bauern haben am Straßenrand Raps gepflanzt, aber weniger um ihn zu verkaufen, sondern als fotogenen leuchtend gelben Vordergrund für die gut zahlenden Amateur-Fotokünstler. Welch ein Gegensatz zu dem, was wir gesehen und erlebt haben, und wie froh müssen wir darüber sein. Dies wird uns auf den letzten hundert Kilometern vor Xining erst richtig klar: obwohl hier schon mehrere Autobahnen nebeneinander verlaufen, stecken wir in einem Stau nach dem anderen und auch in der Millionenstadt ist es dann nicht besser. Am liebsten würden wir wieder in die Berge zurückfahren. Dabei ist es noch nicht so lange her, als wir mit dem Rotelbus von hier auf kleinen Straßen und Pisten nach Lhasa aufbrachen und unterwegs nur wenigen Fahrzeugen begegneten. So schnell ändert sich alles – vor allem in China!

Es ist schon spät abends, als wir endlich am hypermodernen Hotel „Starways“ eintreffen. Hier erwartet uns bereits ein Empfangskomitee, auch der Vorstand der Qinghai-Reiseagentur ist dabei. Er ist ein Tibeter. Er beglückwünscht uns zu unserer glücklichen Vollendung dieser Erkundungsreise und begrüßt mich mit dem tibetischen Gruß, den wir auf dieser Reise so oft gehört haben:

„Tashidelek“  –   Glück auf Deinem Weg!

von Hans-Jürgen Ippich
 
                     

1 KommentarHinterlassen Sie einen Kommentar

  • Hallo Hans-Jürgen !
    Wir freuen uns schon riesig auf diese Reise. Habe gerade mit Interesse deinen
    Film angesehen und deine Stimme vernommen.
    Wir, das sind Maria und Gerhard, die zwei Österreicher die heuer mit dir
    in Baja California waren.

Leave a Reply

Ihre Email Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert mit *

ga('send', 'pageview');