Rotel Tours Reiseblog

Äthiopien – Impressionen einer Reise

Ein Reisebericht von Erika Bauck über die Expeditionsreise Äthiopien im Januar 2013

Alt, uralt ist dieses Land am Horn von Afrika. Alt, uralt seine Entstehung, Geschichte und Kultur. Es ist älter, als wir es uns gemeinhin vorstellen. Mehr als 3 tausend Jahre reichen seine Kultur und seine reichen Traditionen zurück in die Geschichte.

Äthiopien trägt viele Namen: ‚Das Dach Afrikas‘, ‚Wiege der Menschheit‘, ‚Land der tausend Lächeln‘ aber auch ‚Hungerland‘, denn, als in den 1970er Jahren die Niederschläge ausblieben, die Saat auf den Feldern vertrocknete und die Staatsgelder statt für den Kauf von ausländischen Nahrungsmittel in den Krieg gegen Eritrea ausgegeben wurden und viele tausend Menschen an Hunger starben, trug das Land diesen Namen zu recht. Die Berge des Simien-Nationalparks (Welterbe-Stätte der UNESCO) ragen bis über 46oo Meter in den stets blauen äthiopischen Himmel. Die tiefste Landschaft dieses Landes ist die Danakil-Senke, die bis an die Grenze Eritreas reicht, mit einer Tiefe von 116 Metern unter dem Meeresspiegel, eine der unwirtlichsten Wüsten der Welt, wo Temperaturen bis zu 50 – 60 Grad gemessen werden können. Noch immer ist diese Region durch vulkanische Verwerfungen und Eruptionen gefährdet. Erst 2005 brach hier ein Riss von ca. 50 km Länge auf und versetzte Wissenschaftler aus aller Welt in helle Aufregung. 50 % der gesamten Landfläche Äthiopiens liegt über 1.200 Meter, 25 % über 1.800 und 5 % höher als 3.500 Meter. Der gefürchtete und sehr gut sichtbare afrikanische Graben (Rift Valley), der sich bei über einer Länge von über 6000 km vom Roten Meer bis nach Mosambik im südlichen Afrika erstreckt, steht zum Teil wie eine Wand, die das Land zerteilt. Tiefe Schründe und Risse graben sich wie Wunden ins Land. Bewirtschaftung scheint hier nicht möglich. Eines Tages in ferner Zukunft wird es hier wohl den großen Abbruch geben und dieser Teil des Horns von Afrika als Insel im Meer schwimmen. Weiter im Süden haben sich in grauer Vorzeit in diesem Grabenbereich aufgrund heftiger und lang anhaltender Regenfälle große Seen gebildet, zu einer Zeit, als Nordeuropa die Eiszeit durchlebte. Sehr viel dieses Wassers verdunstete zwar, aber in der Folge machte angeschwemmtes Erdreich diese Gebiete zu fruchtbaren und ertragreichen Böden. Sintflutartige Regenfälle im Hochland, minimale Niederschläge dagegen in den eh schon wasser-losen, verdorrten Tiefebenen des Südens, das prägt das Leben der Menschen hier. Der Bauer im Hochland bestellt sein Feld und freut sich über seine Ernte. Die Viehzüchter bevorzugen die Weite des Tieflandes und treiben ihre mageren Herden, Schafe, Ziegen, Esel und Rinder zu kargen Weideflächen.

3 mal so groß wie Deutschland ist dieses Land im Nordosten des Horns von Afrika zwischen Äquator und dem Wendekreis des Krebses. Seine bizarren und beeindruckenden       Landschaften be-sonders im Norden verdankt es den vor etwa 40 Millionen Jahren aufbrechenden Eruptionen von Lava und Basaltkegeln, die hier bis zu 4000 Metern aus dem Erdinneren hervorgedrängt wurden. Dies ist noch immer das Epizentrum aller vulkanischen Aktivitäten. Erosionen und Verwerfungen prägen und gestalten noch immer diese Landschaft. Man kann als mutiger Tourist vom Rande eines solchen Vulkans in den Krater mit brodelnder Lava schauen und sich an diesem höllischen Inferno entzücken. Wir verzichten auf dieses Spektakel und wenden uns lieber den schöneren Landschaften und seinen Menschen zu.

Wie auch immer, die Geschichte der Menschheit begann in Afrika, Homo sapiens und Homo erectus bezeugen dies. Kenia, Tansania und seit dem spektakulären Fund des Skelettes von ‚Lucy‘ hier in der Unwirklichkeit der Danakil-Senke sind selbst die größten Zweifler davon überzeugt worden. 1974 fanden Forscher Skelettfragmente dieses Australopithecus Afarensis, einem etwa 1,05 m großen Mädchens, wie man später feststellte. 3,2 Millionen Jahre soll sie alt sein. Ihr aufrechter Gang gilt ‚als Menschwerdung‘ in der Entwicklung der Menschheit, das bis jetzt fehlende Glied zwischen Affen und Menschen. Lucy stellt sich der Herausforderung und knackt ‚the missing link‘.

Benannt wurde sie nach dem damals weltbekannten Hit der Beatles ‚Lucy‘. Die Äthiopier nennen sie zärtlich ‚Dinkinesh‘, „Du bist wundervoll“. Weitere Skelettfunde ähnlichen Alters hat man zu Beginn dieses Jahrhundert nur wenige Dutzend km von dieser Fundstelle gemacht – zu recht also die Bezeichnung ‚Wiege der Menschheit‘.

Bereits zu pharaonischer Zeit schickte die Pharaonin Hatschepsut eine Delegation in das Land Punt, von dem man lange nicht wußte, daß es sich hier um Äthiopien handelt, um sagenhafte Kostbar-keiten von hier zu bekommen. Auf den Wänden ihres Tempels im Tal der Königinnen sind diese Mitbringsel in Stein gemeißelt: Tiere, Pflanzen, Elfenbein, vielleicht auch Sklaven. Was sie als Gegenleistung erbrachte, ist nicht dokumentiert. Viele Menschengeschlechter, Ethnien, Stämme und Völker lebten und leben hier. Sprachen mit ungehörten Klanglauten, wie kuschitische, nilosaharische oder afroasiatische Sprachen und Idiome sprach man. Noch immer sollen es verwirrende 80 sein und weitere 200 Dialekte. Die drei wichtigsten heutigen Sprachen sind Amharinja, Tigrinja und Orominja, Sprachen der drei zahlreichsten Ethnien.

So unterschiedlich die ethnische Zugehörigkeit, so auch die religiöse. Die wichtigste Glaubens-gemeinschft sind die äthiopischen orthodoxen Christen, die Kopten, es folgt der Islam, der Protestantismus, wenige katholische Glaubensgemeinschaften, eine Minderheit jüdischen Glaubens sowie vor allem im Süden des Landes Naturreligionen. Zu erwähnen ist das überaus gute Zusammenleben der orthodoxen Christen mit dem Islam und das aus folgendem Grund: wir müssen wie so oft auf legendenhafte Überlieferungen zurückgreifen: als zu Beginn der Verbreitung des Islam feindliche Nicht-Muslime in kriegerischer Absicht diese bis nach Äthiopien verfolgten, wurde diesen Moslems hier Schutz und Heimat geboten. Zu dieser Zeit war Äthiopien längst ein christliches Land. Aus Dankbarkeit versprach man, hier in Frieden zu leben und niemals, wirklich niemals den Dschihat (den heiligen Krieg gegen Nicht-Muslime) zu führen. Selbst der Prophet Mohammed soll das bekräftigt haben. Und so lebt man bis heute friedlich nebeneinander.

Auch der Kalender in diesem Lande wird anders gelesen. Man lebt nach dem Julianischen Kalender, das heißt, man ist 7 Jahre unser Zeitrechnung hinterher. Das Jahr 2000 wurde nicht etwa am 1. Januar 2000 eingeläutet, nein, es war der 11. September 2007. Noch immer sieht man Leuchtelemente, die dieses besondere Datum ankündigten. Unsere Reise fand laut unserem Kalender vom 10. bis 31. Januar 2013 statt, der Julianische sah uns vom 2 Ter bis 23 Ter 2005 in Äthiopien.

80 % der gesamten Bevölkerung lebt von der Landwirtschaft. Hauptanbauprodukte, wie ich später noch beschreiben werde, sind Getreide, Gemüse, etwas Wein, Obstplantagen, Blumenplantagen, deren Export an Bedeutung gewinnt, und der wunderbare äthiopische Kaffee. Vieles davon sieht man auch auf den Dorfmärkten, anderes geht gleich in den Export. An Nutztieren besitzt der Äthiopier magere Rinder, dürre Schafe und Ziegen, rappeldünne Pferde, Esel und Maultiere, alle möchte man am liebsten auf üppige Weiden jagen – jedoch, es gibt sie nicht, die üppigen Weiden.

Eine ganz traurige und verwerfliche Sitte darf nicht unerwähnt bleiben. Quer durch alle Volks-gruppen und Religionen praktiziert man immer noch die Beschneidung von Mädchen. Gesetzlich ist das zwar verboten, dran halten tut man sich nicht. Die Regierung hat die Bevölkerung immerhin aufgefordert, Anzeige zu erstatten, sollte man von einer Beschneidung erfahren – aber das ist ja wohl in den Wind gesprochen.

Der Flug mit Äthiopian Airways war kurzweilig, das Essen an Board erstaunlich gut und ein kräftiger Rückenwind trug uns schneller als erwartet, nach nur 7 Stunden nach Addis Abeba. Recht neuer Flughafen, problemlose Abwicklung der Einreiseformalitäten und schon stehen wir unter afrikanischer Sonne. 17 reisefreudige Teilnehmer steigen nun in den Rotelbus. 12 m lang, 4 m hoch, 2,50 m breit, 520 PS stark ist dieses rollende Gefährt. Während der Fahrt sitzt man bequem im vorderen Teil, des nachts schläft ein jeder in seiner Schlafkabine im hinteren Teil des Busses. Allen Zweiflern sei versichert, alles ist komfortabel und angenehm. Nach einem kargen Frühstück in einer überforderten German Bakery fahren wir nun Richtung Süden und erreichen ganz bald Tiya, ein Ort allergrößter Vergangenheit. Hier stehen und liegen weit verstreut aus megalitischer Zeit Stelenfelder mit Steinen von 1 bis 5 Meter Höhe. Diese Stelen sind behauen und tragen noch deutlich sichtbar rätselhafte Symbole, Darstellungen und auch Gesichter. Da in unmittelbarer Nachbarschaft Überreste von Gräberfeldern gefunden wurden, geht man davon aus, das diese Stelen Bestattungssymbole gewesen sein könnten. Eine genauere zeitliche Zuordnung steht noch aus, jedoch ist für jeden erkennbar, dies sind die Überreste einer wirklich uralten Kultur. Dieses ist auch das erste Dorf, in dem wir unsere Erfahrungen mit äthiopischen Kindern machen. Fremde sind reich, also darf man betteln, ohne allzu aufdringlich zu werden.

Am Nachmittag erreichen wir unser erstes Quatier am Ziwaysee, ein Paradies für Vögel. Ein freundliches, sauberes Hotel, man stellt uns wie immer auf dieser Reise einige Zimmer zum Gebrauch der sanitären Einrichtungen zur Verfügung und so wird es auch für den Rest der Reise sein. Das Ufer des Sees ist in der Tat ein wahres Vogelparadies. Reiher, Ibisse, Pelikane, Störche und viele, die ich nicht kenne, tummeln sich im seichten Uferwasser. Im Garten des Hotels schwirren die kleinen, die farbenprächtigen, die man nicht fotografieren kann, da sie zu klein und zu flink sind. Am Abend gibt es für uns im Hotel unser ersten äthiopisches Abendessen mit Fisch aus dem See. Generell zum Essen in Äthiopien sei gesagt: es ist leicht, bekömmlich, kann auf Wunsch extrem scharf gewürzt sein – niemand bekam Magenprobleme. Zu trinken gibt es Wasser, Wasser, Wasser, heimisches leichtes Bier, heimischen Wein, durchaus gut trinkbar, und den heimischen Honigwein, nicht jedermanns Geschmack. Ja und dann der Kaffee!

Überall thronen die Kaffee-Damen. Schön sind sie, könnten es zur Not mit der Königin von Saba aufnehmen. So sitzen sie hinter großen Tabletts mit vielen kleinen Tässchen drauf, neben sich ein Stövchen mit glühender Holzkohle über dem nun auf einer Art Schaumkelle die frischen Bohnen geröstet werden. Es duftet – dann werden die Bohnen in einem Mörser zerstampft und mit kochendem Wasser drei Mal aufgekocht. Nun gießt sie elegant diese dunkle, frische Brühe in die kleinen Tässchen, Zucker nimmt man nach Bedarf, und wirft dann in die verbleibende Glut des Stövchens eine Handvoll Weihrauch – duftende Rauchschwaden wabern über uns und allem. Ein wahrlich sinnlicher Kaffeegenuß.

Wie immer, früher Aufbruch am nächsten Morgen. Meswin unser äthiopischer Begleiter war zuständig für unser Frühstück. Pünktlich, nett angerichtet erwartete uns täglich unser Frühstücksbbüfett. Es schmeckt immer in großer Gemeinschaft und es war von Vielem Vieles da.

Wieder kurz Richtung Norden und dann streng nach Osten erreichen wir Nazaret, eine der größeren und recht modernen Städte des Landes. Während einige aus unserer Gruppe zu Mittag essen gehen, strolche ich durch die Stadt, werde über mein Staunen am Anblick junger Männer, wie sie rohes Fleisch essen, zu eben diesem Essen eingeladen, lehne aber vornehm dankend ab – man hat Verständnis für mein Verhalten! Wir sind nun ein bißchen vertraut mit den Bildern der Landschaft, der Dörfer und ihrer Menschen. Die Fahrt geht auf der Rift Valley Road zum Awash National Park. Die Straße ist gesäumt von vielen kleinen und größeren Dörfern mit aus Stroh gebauten Rundhütten, in denen sich das Familienleben abspielt. Auf Anfrage bei der Dame einer Hütte besuchen wir gegen ein kleines Entgelt ihre Rundhütte. Dunkel und rauchig ist es hier drin. Man kocht in den Hütten, um durch den entstehende Rauch, der zwar durch das Dach abzieht, Mücken und andere unerwünschte Stechlinge zu vertreiben. Es gibt einige Schlafplätze am Boden, ein steinernes Regal für Töpfe und Pfannen, irgendwo wuselt ein Kleinkind und einige Hühner suchen bei unserem Anblick das Weite. Draußen wartet die größere Kinderschar auf unser Wiedererscheinen, schließlich möchten auch die Kleinen von unserem Besuch etwas haben, einen Stift, einen kleinen Geldschein oder etwas Süßes. So wohnt und lebt der arme Äthiopier auf dem Land.

Das Tor zum Awash-Nationalpark ist geöffnet – wir können ankommen. 850km² ist er groß und wurde in den 1960 Jahren von Kaiser Haile Selassie eröffnet. Affen, Antilopen, Gazellen und vieles mehr gibt es hier. Leoparden und Löwen dürften ausgewandert sein, wir hören sie nicht, wir sehen sie nicht und ich bezweifele ihre Anwesenheit hier in diesem Park sowieso. Wir campen frei, am Ufer des Awash, umringt von aufmüpfigen und tollenden Affen und Äffchen. Etwas weiter unten am Fluß sind die Awash-Wasserfälle. Vier Hauptfälle stürzen sprudelnd und schäumend über Felsen in eine ca. 20 – 30 Meter tiefe Schlucht. Zwar nicht so grandios wie die Fälle in Simbabwe oder gar in Iguacu, aber doch, hier von uns nicht erwartet, schön und spektakulär. Unten im Fluß, wo das Wasser wieder ruhig ist, liegen sonnenbadend Krokodile träge auf Felsen. Wie wunderschön es hier ist, man möchte verweilen und sich sattsehen an diesem Fluß, seinem felsigen Bett und seinen steilen Ufern. Am Abend gibt es Dosen-Gemüse-Suppe mit Würstchen unter freiem Himmel, neben knisterndem Feuer und dem Nachtgestirn des äthiopischen Himmels. Die Abendtoilette wird heute kleingeschrieben. Ein feuchtes Tuch über Gesicht, Hände und Füße, gleiche Prozedur am nächsten Morgen, und der Mensch fühlt sich erfrischt – geht doch! Sehr schön war es im Awash-Park aber der Treck muß weiterziehen.

Bevor wir Harar erreichen, durchfahren wir großartige, offene Landschaften mit sich weit hinziehenden Terrassenfeldern, die sich die fernen Hügel hinaufziehen. Unendlich fleißige Bauern haben ihre Getreideernte eingebracht. Hier wächst ein uraltes Kulturgetreide: Sorghum oder Sorghum-Hirse, sein Mehl wird vorwiegend zu Brot verwendet, sein Stroh zu Futter. Einige dreschen ihre letzte Ernte noch auf den Feldern, indem sie ihre Rinder im Kreis über das Stroh mit den noch darin enthaltenen Körnern trampeln lassen. Wie große Schachfiguren stehen nun die leeren Garben zu ‚Puppen‘ zusammengestellt auf den Feldern. Weiter im Norden wächst ein weiteres nur noch hier bekanntes äthiopisches Kulturgetreide, das in anderen Ländern längst vergessen ist, aber bis heute Grundlage der äthiopischen Ernährung ist: Teff, auch als Hart- oder Zwerghirse bekannt. Seine winzigen Körnchen werden fermentiert, nach kurzer Zeit werden dann die bekannten Injera-Fladen auf heißen Platten gegart, ähnlich wie unsere Crepes. Für einen Äthiopier kein Essen ohne Injera. Man serviert diese Fladen auf großen runden Tellern oder Blechen und darauf liegen dann die entsprechenden Zutaten wie Gemüsebrei, verschiedene kleine Fleischstückchen in pikanten Soßen und dergleichen mehr, alles immer kräftig gewürzt. Man ißt diese Fladen in der Regel gemeinsam, in dem sich jeder ein Stückchen Fladen abzupft, ihn in die Zutaten drückt und dann fein säuberlich in den Mund schiebt. Die Zutaten habe ich ja gern gegessen, Injera war nun aber gar nicht mein Fall, es schmeckt so, wie es aussieht: grau, lapperich, lauwarm und ziemlich säuerlich – warum man das nicht schön kross backen kann – ich habe es nicht erfahren. Nun, Teff ist ein kurzstieliges Getreide, man drischt es nicht, sondern schlägt vorsichtig seine Körner aus den Hülsen. Bei der Winzigkeit der Körner ist wohl auch keine andere Dreschmethode anwendbar.

Wir sehen Bauern beim Pflügen ihrer Äcker. Äußerst mühsam ziehen magere Ochsen einen Holzpflug hinter sich her, der die Erdkruste nur leicht aufbricht. Hat der Bauer keine eigenen Ochsen, so muß er sich mit Nachbarn arrangieren, die Zeit drängt, die Felder müssen vor der Regenzeit bearbeitet werden, damit sie nach dem Regen bestellt werden können. Auch wenn das erledigt ist, sieht man den Bauern immer noch nicht müßig. Nun versuchen ganze Dorfgemeinden durch Aufstockung und Anlegen neuer Terrassen an noch freien Berghängen ein weiteres kleines Stückchen Land der Natur abzugewinnen. Andere, brüchig gewordene Terrassenabstützungen werden erneuert und somit Erosionen verhindert. Lächelnd und mit Freude gehen sie ihrer harten Arbeit nach, wissend und sich erinnernd, wie rasch Dürre und Hunger daher kommen können.

Dann gibt es da noch die recht lukrative Ernte der Khat-Pflanze, die hier vermehrt angebaut wird. Es sind Sträucher, ähnlich den Teesträuchern mit ganz ähnlichen Blättern. Durch das Kauen dieser Blätter, gerne in Gemeinschaft mit Freunden, entsteht eine leichter ‚Rausch‘, man wird vergnügt und teilt seine Freude. Natürlich habe ich es auch probiert, mit einem Blatt, das war zu wenig, der Mund muß schon reichlich gestopft werden. Es schmeckt bitter und ich kam besser ohne aus. Diese Pflanze ist ein echter Exportschlager. Nach Somalia und bis in den Jemen wird sie gegen gutes Geld legal verkauft. Übrigens bis auf ganz wenige Ausnahmen in den größeren Städten haben wir niemals rauchende Menschen gesehen – niemand qualmte, niemand fragte nach Zigaretten.

Auf unserem Weg nach Harar fahren wir auch zum Teil kurze Strecken entlang der früheren Djibouti-Bahn, einer früheren Eisenbahnverbindung zwischen der Hafenstadt Djibouti und Addis Abeba. 1917 wurde sie erbaut, heute enden ihre Gleise im Nirgendwo und Djibouti ist weit.

Die historische Alt-Stadt Harar ist von einer Mauer und fünf Toren umringt, die zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert erbaut wurden. Dieses war eines der wichtigen Zentren muslimischer Sultanate im östlichen Hochland Äthiopiens. Noch heute ist es die Hochburg des Islam in Äthiopien und Zentrum islamischer Gelehrsamkeit mit einer Vielzahl an Moscheen und Koranschulen. Medizin, Agrarwissenschaften und anderes mehr kann der junge, gebildete Äthiopier hier studieren. Man gibt sich aufgeschlossen und sehr freundlich dem Touristen gegenüber zum beiderseitigen Wohlgefallen.

Die weiß verputzten Mauern und Häuser trugen der Stadt den Beinamen ‚Weiße Stadt‘ ein. Anmutig und großzügig erscheinen hier die bürgerlichen Häuser. Wir besichtigen eines und sind beeindruckt von Architektur, Ausgestaltung und Behaglichkeit, die uns hier zum Verweilen einlädt. Irgendwo im dichten Gewusel von Häusern steht, natürlich von jedem Besucher bestaunt, das Wohnhaus des französischen Dichters Arthur Rimbaud, der hier mit Unterbrechung von 1880-1891 gelebt hat und zum Teil sehr zweifelhaften Geschäften nachging, (unter anderem Waffen und sogar Sklaven). Kleine Paläste und Museen in verwinkelten Gassen vervollständigen anschaulich das Bild früherer Lebensweise seiner teils mehr oder weniger bekannten Bewohner. Und dann natürlich noch der bekannte Markt mit seinen exotischen Gewürzen, Düften und Stoffen. Die Menschen lächeln, wir fotografieren und nehmen ein Stückchen ihrer Welt mit nach Hause.

Wir fahren zurück nach Nazaret. Menschen vom Stamm der Afra ziehen nomadisierend mit ihren Kamelen an uns vorbei. Sie leben vorwiegend in der unwirtlichen Danakil-Senke und sind gefürchtet wie Blitz und Donner. Außer rappeldürren Kamelen und ein bißchen Zeltdach besitzen sie nichts. ‚Bitte nicht fotografieren‘, hat man uns gesagt, diese Leute sind aggressiv und können das auch schnellstens umsetzen. Also lassen wir sie ihres Weges ziehen, asketisch, stolz und unnahbar.

Großzügig fahren wir nun an Addis Abeba vorbei in das nordäthiopische Hochland – zu den Provinzen der christlichen Volksstämme der Amharen und Tigray. Wieder unglaubliche Landschaftsbilder.

Erstaunlich häufig sehen wir neue Brunnen mit Pumpen versehen am Rande der Dörfer. Zum Schutz gegen das Vieh hat man hohes Gestänge um sie herum gesteckt. Lachend, plaudern sieht man Frauen und Kinder hier ihre Ration Wasser holen. Sicherlich das gute Werk von Hilfsorganisationen. Irgendwo steigen wir aus, laufen einen hohen Hang hinauf und sehen dort auch wirklich die nur in Äthiopien lebenden Gelada-Paviane. Sie tollen sich, wir staunen, es wurde ein hübscher Spurt auf den Berg mit grandiosem Ausblick ins Tiefland und dann begegnen wir noch einigen alten Frauen und Männern, die hier oben frische Kräuter sammeln. Es duftet nach Thymian und Oregano. Natürlich sind auch ganz bald junge Männer da, die uns selbstgestrickte Wollmützen mit Affenhaar-Dekoration verkaufen wollen. Deren Geschäfte gingen schlecht, das lag wohl eher an uns!

Wir beschließen heute spendabel zu sein und wenigstens einigen Kindern ein wenig zu helfen. Es wird im Bus gesammelt und eine ordentliche Summe kommt zusammen. Für eine schlichte Schule am Wegesrand kaufen wir Hefte, Hefte und nochmals Hefte, Stifte, Bücher und andere Unterrichtsmaterialien. Die Kinder können kaum glauben, was ihnen da geschieht. Aus ihren düsteren Klassenzimmern kommen sie, treten strahlend in Reih und Glied an, und empfangen unsere bescheidenen Gaben. Auch die Lehrer sind leicht verwirrt über unseren Überfall mit großem Papiersegen – viele Arbeiten können nun geschrieben werden, viele kleine Händchen werden hoffentlich diese Seiten füllen. Ach, was schauen sie alle armselig und abgerissen aus – aber jetzt freuen sie sich und singen und klatschen uns zum Abschied ihr fröhlichstes Lied. Schön und doch bedrückend diese Begegnung.

Nach vielstündiger Fahrtzeit durch wiederum atemberaubende Landschaften steuern wir heute endlich Lalibela an. Im Inneren der Bergwelt liegt weit ab der großen Straßen dieser nur etwa 20.000 Einwohner zählende Ort, der jedoch mit seinen Felsenkirchen aus dem 12/13. Jahrhundert die noch bis heute wichtigsten Heiligtümer der äthiopischen Kirche darstellt. Achtes Weltwunder nennt man sie auch.

Das alte ehrwürdige Hotel ‚Seven Olives‘ oberhalb des Ortes ist der ideale Platz für eine längere Rast. Hier sitzt man gut in der Stille einer bewachsenen Terrasse, beobachtet Vögel, genießt einen Gin-Tonic oder heimischen Rotwein, hört in der Ferne geistliche Musik der Kopten, die sich auf ihr großes Timkatfest vorbereiten – ich bin angekommen und freue mich auf alles, was ich hier sehen und erleben werde und das wird unendlich viel sein.

Lalibela, die Stadt der Priester und Felsenkirchen. Welterbestätte seit 1978. Die Legende besagt, König Lalibela habe den Wunsch gehabt, nach Jerusalem zu ziehen, um dort zu sterben. Früher pilgerte man nach Jerusalem, büßte seine Sünden und kam geläutert wieder nach Hause, so man die Reise überhaupt überstand. Im Traum erschien dem König Lalibela der HERR und trug ihm auf, doch lieber ein neues Jerusalem in seinem eigenen Land zu errichten. Und so geschah es: In seiner 40jährigen Regierungszeit ließ er nur mit Hammer und Meißel die Kirchen aus dem roten Tuffgestein hauen und wenn des nachts die Arbeiter schliefen, übernahmen Engel sozusagen die Nachtschicht und erbrachten die doppelte Arbeitsleistung des Tages. Ja. So geht die Legende! Diese monolithischen Felsenkirchen sind ein veritables Wunder! Gebäude im Fels, nicht in die Höhe gebaut, nein nach unten. Ihre Dächer sind sozusagen ebenerdig, ihr Korpus steht unten in einem freien Hof in der Tiefe. Solche Kirchen zu bauen, war mit übergroßem Aufwand verbunden: der Bauplan mußte von Beginn an bis ins kleinste Detail durchdacht sein, da jede Säule, jede Wölbung, jede Treppe, sogar jedes Fenstergitter aus dem Gestein heraus modelliert werden mußte. Wahrscheinlich wurde erst der den Hof bildende Schacht ausgehoben und dann die Kirche ausgehöhlt. Durch die schmalen Tür- und Fensteröffnungen wurde dann der Abraum entfernt.

11 dieser Kirchen gibt es allein in Lalibela. Sie sind durch Gänge und Tunnel miteinander verbunden, durch die man dieses Labyrinth aus Stein und Höhlen, aus Licht und Schatten, unförmigen Gängen und wunderbaren klaren Formen auch betreten kann. Mittelalterlich anmutende Priester, die ihre Kreuze tragen, schläfrige Mönche, die in den Höfen drumherum wohnen, diese Heiligtümer bewachen und immer noch Gottesdienste zelebrieren. Dutzende dieser Felsenkirchen soll es hier im Hochland noch geben. Einheimische wissen darum, Touristen und Wissenschaftler noch nicht so recht, wo diese unbekannten Schätze noch liegen.

Der gesamte Komplex von Lalibela weist ganz eindeutig Bezüge zu den heiligen Stätten Palestinas auf. Ein klitzekleiner Bachlauf, der nur in der Regenzeit Wasser führt und die beiden Kirchenkomplexe, ­- einen östlichen und einen nördlichen ‑, trennt, heißt Yordanos, es gibt einen Platz Golgatha und einen Sinai, einen als Grab Adam bezeichneten Bau, sowie ein Grab Jesus. Jede dieser Kirchen hätte es verdient, hier benannt und beschrieben zu werden, ihre Größe und Einmaligkeit zu erwähnen, ihre Malereien und Ornamente zu preisen – ich hoffe jedoch, das der geneigte Lesen mir verzeiht, wenn ich dies alles nicht tue, da ich mich sonst in der Unendlichkeit von Schönheit und Größe verlöre.

Alljährlich feiert die koptische Christenheit am 19. Januar eines ihrer größten religiösen Feste, das Timkat-Fest. Es symbolisiert die Taufe Jesu im Jordan und das Fest Epiphanie. Bereits am Vorabend des Festes versammeln sich die Gläubigen in Kirchen und auf den Plätzen davor, singen und beten die ganze Nacht, um dann nach einem frühen und erschreckend langen Gottesdienst vor Sonnenaufgang mit der Priesterschar zum eigentlichen Schauplatz, in diesem Falle einem Platz mit riesigen Wasserbecken in Form eines Kreuzes zu kommen. Spätestens jetzt sollte man als Zaungast am Ort des Geschehens sein. Die Nacht liegt jetzt noch schwer über den Bergen. Will man die Zeremonie auch gut sehen und beobachten, so kann man gegen ein kräftiges Eintrittsgeld eine windig aussehende Tribüne aus dünnen, zarten Holzstangen besteigen, die diesen Platz umgibt, auf dem aber bereits schon viele hundert Menschen stehen, wie die Hühner auf ihren Stangen.. Man stößt ein Bittgebet gen Himmel, das dieses Gestänge nicht unter all den Menschen zusammen-brechen möge. Zu meiner Beruhigung erklärte mir ein heimischer Mitbeobachter, dass dies noch nie passiert sei – nun, das gibt eine gewisse Beruhigung. Nun weicht die Nacht, die Sonne wird warm und wärmer und unsere Priesterschar läßt noch auf sich warten. Endlich dann, mir ist schon elendig heiß hier oben, erscheinen sie in all ihrer Pracht.Voran die größte Gruppe, weißgekleidete Diakone, sie bilden sozusagen den Rahmen, dann streng in schwarz eine Gruppe Geistlicher, die ich nicht zuordnen kann und endlich die bunte, exotische Schar der hohen Geistlichkeit. Ihre Gewänder sind eine Brokat-Pracht wie aus Tausend-und-einer Nacht oder gar noch schöner. Über sie hält man die strahlendsten Sonnenschirme, die man sich vor-stellen kann. Wahrhaftig, ein Anblick, den selbst modische Exzentriker in tiefe Bewunderung versetzen würde. Diese Herren sind aber auch von sich selbst ziemlich angetan. Man fotografiert sich, man fotografiert seinen Mitbruder, selbst der oberste Herr Bischof greift zum Handy und knipst und läßt sich knipsen. Also unter der Geistlichkeit in Rom wäre das ja wohl eher verpönt. Die Zeremonie ist endlos. Es wird psalmodiert, gelesen, gesungen, gepredigt, ermahnt und am Ende nach vielmaligem Umschreiten des Wasserbeckens, Eintauchen wertvoller Kreuze ins Wasser und dessen Segnung wird als Höhepunkt mit Krügen in großen Schwallen dieses Wasser über das Volk gegossen. Ein jeder will seinen Spritzer Wasser – die Menge jubelt. Wir fahren zurück zum Hotel, nach dem stundenlangen Stehen auf diesem Gerüst in gleißender Sonne haben wir eine Pause verdient, bevor es dann zur Prozession wieder hinunter in den Ort geht. Am Nachmittag dann die Prozession. Die Oberpriester tragen die Tabot-Tafeln, Nachbildung der Bundeslade, die in jeder äthiopischen Kirche zu finden sind, in wertvolle brokatene Tücher gewickelt auf ihren Köpfen zurück in die Kirchen. Vorneweg singt und tanzt die Kinderprozession. Fröhlich und lachend, sie haben heute ihre Aufgabe gefunden. Dann die schier nicht enden wollende Schar der Diakone. Man singt, man trommelt, man tanzt – ein jeder kann mitmachen. Dazwischen in all ihrer blendenden Pracht die Herren Oberpriester. Ganz nahe sind sie ihrem Volk und uns. Man kann sie bewundern, anfassen und selbstverständlich fotografieren. Zu erwähnen bei all diesen Auftritten sei noch ein Stab von etwa 1,50 Metern Höhe, den jeder dieser Männer trägt. Oben hat er ein kleines Querstück, auf das man sich stützen kann, wenn das Stehen allzu mühsam wird. Auch Moses soll während der Schlacht gegen die Amelekiter seinen Arm stundenlang segnend auf einen solchen Stab gestützt haben, die Schlacht ging für seine Männer siegreich aus. (Mos. Ex. 17:9 ‚ich will mich aber auf den Gipfel der Anhöhe stellen, den Gottesstab in meiner Hand!‘). Während religiöser Zeremonien jedoch hat jede einzelne Bewegung mit diesem Stock eine tiefe Bedeutung. Hebt man ihn in die Höhe, hebt man ihn über die Schulter, beschreibt man Kreise oder Linien am Boden, alles hat eine tiefe Bedeutung, wie man uns später erklärt. Was für ein Tag, welch ein Erlebnis – ich habe gesehen und miterlebt, was ich mir lange gewünscht habe.

Unmittelbar nach dem Timkatfest feiert man den Hl. Georg – ein wohl sehr bedeutender Heiliger der Kopten. Auf unserer Fahrt sehen wir lange Prozessionszüge weiß gekleidete Menschen, die sich wie eine weiße, lange Fahne über das Land zieht. Man ist und lebt fromm in diesem Land.

Wir fahren weiter, viele Stunden auf einer ordentlichen Pistenstraße nach Mekele. Die Landschaft ist afrikanisch, Affenbrotbäume (Baobas), Kakteen, blühende Schirmakazien mit leuchtend gelben Blütenknöpfen und immer wieder Rundhütten. Auch Kirchen, die wir nun aber nicht mehr von Innen sehen wollen – davon hatten wir soeben reichlich.

Mekele, Hauptstadt der Provinz Tigray, eine moderne Stadt, sauber, ordentlich, auch hier Felsenkirchen aus nacktem Fels gehauen, auch sie besichtigen wir nicht, wie vieles andere, das hier zu besichtigen wäre. Man kann hier mit Salzquadern beladene Kamele der Afra sehen, die auf ihrem Weg aus der mörderisch heißen Danakil-Senke entlang ziehen, um irgendwo ihre Salze zu verhökern.

Abraha Castel Hotel, hübsch gelegen auf einem Hügel mit besonders schönem Blick über die Stadt, hier docken wir für die Nacht an.

Axum, unser nächstes Ziel, erreichen wir nach wiederum unglaublichen landschaftlichen Highlights. Wir fahren entlang dem Aduagebirge mit der bedeutenden Stadt Adua, in deren Umgebung die siegreichen Schlachten von 1896 geschlagen wurden, in deren Folge die äthiopischen Truppen die italienische Armee besiegte – noch heute der Stolz der geschichts-bewußten Äthiopier. Hier, in der ältesten Stadt des Landes, deren Geschichte bis tief in die Vor-Axumitische Zeit reicht, schlägt das Herz des christlichen Äthiopiens besonders stark. Hier zeugen Monomente und Stelen aus diesen fernen Zeiten, Sinnbilder Jahrtausende alter Kultur. Archeologische Quellen versichern uns, dass bereits vor mehr als 1000 Jahren v. Chr. hier im nördlichen Äthiopien Prä-Axumitische Gesellschaften lebten. Katakombenähnliche Grabstätten und Steintempel weisen darauf hin. Axum war Teil der Spätantiken Welt. Der Prophet Mani (216-277) erwähnt das Reich von Axum neben dem Römischen, Persischen und dem China als eines der Großreiche seiner Zeit. Was dem alten Römer sein Rom, dem Perser sein Persepolis, galt dem alten Äthiopier sein Axum! Etwas außerhalb der Stadt liegen die restlichen Palastruinen und leeren Grabkammern und Gräber der König und Königinnen früher Jahrhunderte. Wir halten an und bestaunen eine Zisternenanlage, die bereits im Altertum bestand. Es soll das berühmte Bad der Königin von Saba sein. Man sieht noch die in Stein gehauenen Stufen, auf denen sie wohl hinein stieg in diese köstliche Erfrischung, wenn der Tag seine Schwüle verloren hatte. Heute sehen wir hier wunderschöne Jünglinge, wie sie sich anmutig den Staub von ihren schönen Leibern waschen. Ja, die Königin von Saba, Makeda wird sie hier genannt, sie ist in Legenden noch omnipräsent, ihr Geist weht noch immer durch Äthiopiens Geschichte. Auch das Alte und Neue Testament und der Koran erwähnen sie. Ihre Geschichte muß hier erwähnt werden. Sie war schön, klug und beherrschte ein großes Land. Sie erfuhr vom weisen König Salomon im fernen Palestina und machte sich mit ihrem Gefolge auf, diesem König einen Besuch abzustatten. Man nahm als Gastgeschenke mit, was das Land an Exotischem bot. Tiere, Elfenbein und vor allem Weihrauchsamen, bis dahin in Palestina noch vollkommen unbekannt. Nach langer Anreise traf man sich also, schätzte sich, mochte sich wohl und kam sich näher, ganz nahe. Aus dieser Nähe ging ein prächtiger Knabe hervor. Menelik der I, so nannte ihn seine Mutter. Der junge Mann wollte dann später auch seinen Vater kennenlernen und zog wie einstweil seine Mutter gen Jerusalem. Salomon war sehr angetan von seinem Sohn und hätte ihn wohl gern zu seinem Nachfolger auserkoren. Hier wurde Menelik natürlich auch mit dem Judentum vertraut, dessen Einfluß noch immer spürbar ist. Menelik jedoch zog es zurück in die Heimat. Salomon hatte Verständnis für diesen Wunsch und ließ ihn ziehen, gab ihm aber und nun kommt’s: die berühmte Bundeslade mitsamt der ‚Zehn Gebote‘ des Moses als Geschenk mit. Das allergrößte Heiligtum der Juden. In einem kleinen Gebäude, einer Art Kapelle, umgeben von einem Gitter und unter ständiger Bewachung eines Mönches ruht hier nun das größte Heiligtum Äthiopiens: eben diese heilige Bundeslade mit den Gesetzes-Tafeln. Niemand bekommt sie zu sehen, nur der arme Mönch muß mit ihr sein Leben teilen – bis daß der Tod sie scheide und dann wird ein neuer Mönch zu dieser Lebensaufgabe berufen. Von Salomon also über seinen Sohn Menelik leitet sich daher die kaiserliche Dynastie ab. 3000 Jahre, 237 Herrscher bis hin zu dem letzten seines Stammes, Kaiser Haile Selassie, Negus, Löwe vom Stamme Juda, mächtig und modern zu Beginn seiner Herrschaft, dann auch er korrupt und von Vetternwirtschaft und Bürgerkriegen mit Eritrea ausgeblutet, wird er 1974 von der Armee geschasst und stirbt am 27. August 1975. Nun ruht sein Leichnam in einem steinernen Sarkophag in der prächtigen Menbere Selassie-Kirche in Addis Abeba, neben sich seine Ehefrau, und man kommt und macht ihm eine stille und ergebene Aufwartung.

Gegenüber eine neue mächtige Kathedrale, 1965 von Kaiser Haile Selassie eingeweiht und durch die Anwesenheit von Königin Elisabeth der II besonders prachtvoll inszeniert. Ein kleines Museum, vollgestopft mit alten königlichen Kleidern, Kronen, Schmuck, Insignien und was so eine alte Stadt zu bieten hat. Ein kleines archäologisches Museum gleich neben dem Stelenpark zeigt Artefakte aus Prä-Axumitischer Zeit, die hier gefunden wurden. Um alles wirklich zu sehen und zu bestaunen, braucht es länger als nur einen Tag – mehr haben wir aber nicht.

Am nächsten Tag zieht uns der Bus endlos lange Serpentinen hinauf, an und über Straßenarbeiten durch endlos lange Staubwolken und an allem vorbei, was man beim Straßenbau rechts und links der Fahrbahnen nur erleben kann. Das war nicht so sehr angenehm, schon gar nicht für unsren tapferen Fahrer. Selbst die grandiosesten Landschaftsbilder des Simiens Nationalpark verblassten hinter diesen Staubwirbeln und Unwegbarkeiten. Hellmuth schaffte es, wir kamen an auf dem Wolkefit Pass, 3000 Meter über dem Meer, in der Nähe der berühmte Ras Dashen, Äthiopiens höchstem Berg mit 4.620 Meter, umgeben von anderen stolzen 4000ern. Diese Region gehört zu den größten Bergmassiven in Afrika und bietet Lebensraum für Steinböcke, Füchse, Hyänen und Schakale. Keines dieser Tiere haben wir gesehen. Hier wird deutlich, warum dieses Land auch ‚Dach Afrikas‘ genannt wird. Die Luft ist dünn und sehr frisch. Wieder campen wir ohne Hotelanschluß und sanitäre Anlagen, bewacht von schwer bewaffneten Rangern, die uns vor den hier herumstrolchenden Banditen beschützen sollen. Tun sie auch – wir schlafen in Frieden, den Rangern sei Dank.

Hinunter nach Gondar, wiederum eine alte Königstadt aus dem 17./18. Jahrhundert und ein großes religiöses Zentrum, in dem auch das Timkat-Fest eine herausragende Bedeutung hat. Im Stadtviertel der Muslime stehen Moscheen, in den Restaurants werden muslimische Speisen angeboten, vieles weist auf ein zufriedenes und befruchtendes Nebeneinander der beiden Kulturen hin. Der Gemp, oder auch Palastbezirk, eine Anlage aus dem 17 Jahrhundert umfaßt einen Komplex von etwa 7000 m² und ist umgeben von einer Mauer mit 12 Toren. Die zum Teil noch sehr gut erhaltenen größeren Gebäude aus der Zeit der Gondar-Kaiser können besichtigt werden und vermitteln einen Eindruck vergangener Pracht. Viele verschiedene Bau- und Dekorationselemente kann man hier entdecken. Der Einfluß geht auf jemenitische, indische und auch auf axumitische Zeit zurück und der Betrachter verliert sich in Staunen. Eine Reihe von Kirchen und Grabkirchen umgeben diese Palastanlage mit zum Teil noch sehr gut erhaltenen Gemälden an Wänden und Decken. Die gesamte Anlage ist so zauberhaft, so gepflegt, nichts Störendes dringt bis hierher – ich möchte wieder einmal bleiben. ‚Geht nicht‘, sagt unser Führer, zurück zum Rotel und zum zauberhaften Hotel Goha auf einem Hügel im Norden der Stadt mit einer Terrasse, von der man die Schönheit des gesamten Ortes genießen kann, bei Tag und bei Nacht!

Bahir Dar, ein weiterer sehr gepflegter Ort am Südufer des Tana-Sees mit diversen Hochschulen und staatlichen Einrichtungen. Papyrusstauden wachsen an seinen Ufern und Papyrusboote macht man aus seinen 2 -3 Meter langen dreieckigen Papyrusstengeln, die man zu Bündeln zusammenschnürt. Wie große Blätter liegen sie auf dem See, werden von Fischern bepaddelt und sind sicher die biologischsten und am besten wieder abbaubaren Verkehrsmittel der Welt, keine Umwelt-belastung, leicht verkompostierbar, null Restmüll. Unser Andock-Hotel liegt wieder einmal traumhaft direkt am See mit großer Terrasse unter alten Bäumen. In etwas vernachlässigten Blumenrabatten blühen die schönsten Lilien und andere Schönheiten hinter dem Haus, es darf gepflückt werden, aber wohin damit? Am nächsten Tag eine geruhsame Fahrt mit einem kleinen Motorschiff auf dem Tana-See, dem größten See Äthiopiens, der auf einer Höhe von 1800 Meter über dem Meeresspiegel liegt und eine Fläche von ca. 3.600 km² bedeckt, zur Insel Dek. Viele alte Klöster zum Teil aus dem13. Jahrhundert liegen hier um den See herum oder aber auf kleinen und kleinsten Inseln im See. Wir besuchen die Klosterkirche Narga Selassie, eben auch weil wir Frauen sie besichtigen dürfen, was beileibe nicht für alle äthiopischen Klosterkirchen zutrifft. Ein junger, wunderschöner Mönch empfängt uns, kassiert unseren Eintritt und zeigt uns Kirche, Malereien, alte Bücher und Kreuze.

Viele kleine Flüsse speisen den See, aus dem sich dann der berühmte Blaue Nil in einem großen Bogen vom äthiopischen Hochland hinab in den Sudan ergießt, um sich bei Karthoum mit dem Weißen Nil zu vereinigen, und dann als DER Nil Ägypten zu beglücken. Der Blaue Nil wird in Äthiopien mit dem Ghion gleichgesetzt, einem der in der Genesis genannten vier Paradiesströme, der ‚um das ganze Morgenland‘ fließt (1.Mose, 2:13). Der erste Weiße, der auf der Suche nach den Nilquellen war, war im 19. Jahrhundert der Schotte James Bruce. Er suchte lange, fand aber keine wirkliche Quelle und mußte schließlich diese Theorie aufstellen: der Blaue Nil entspringt im Tanasee. Wir besuchen noch die tiefen, canyonartigen Schluchten des Blauen Nil, die alte portugiesische Steinbrücke, die ihn überspannt und dann nach einem kleinen Marsch stehen wir den Wasserfällen gegenüber, die der Nil hier formt. In der Regenzeit sind dies sicherlich beeindruckende Wasser-massen, die hier herabstürzen, heute jedoch ist der Nil eher sparsam mit seinem Wasser oder aber das in der Nähe gelegene Kraftwerk zapft diese Wasser ab. Gleichwohl, es ist schön, hier zu sein, und mit etwas Phantasie kann man sich tosende und brausende Wassermassen vorstellen, wie es die äthiopischen Werbeplakate zeigen.

Noch eine letzte Kirche, noch ein letztes Kloster stehen auf dem Programm und dann sind wir wieder in Addis Abeba. ‚Neue Blume‘ nannte man sie bei ihrer Gründung vor nur 120 Jahren. Heute leben hier auf einer Höhe von 2200 Metern etwa 3.5 Millionen Menschen, viele schlecht andere recht. Für die beiden letzten Nächte beziehen wir ein ehrwürdiges, altes Hotel in einem schönen, großen Park gelegen. Eine gigantische Poollandschaft mit 10 Meter Turm beglückt die zahlungskräftige junge Klientel, die hier verkehrt. Nach oder vor dem Schwimmen duscht man nicht etwa kalt, nein, dampfendes heißes Wasser muß es schon sein – Verschwendung scheint hier ein Fremdwort. Seltsam, in einem Land der größten Genügsamkeit.

Es werden noch zwei volle Tage hier in Addis Abeba. Natürlich darf nichts ausgelassen werden, was beim interessierten Touristen eine Lücke hinterlassen könnte. Also noch einmal Kirchen, Samm-lungen verschiedener Institutionen, die mit ihren Exponaten Geschichte und Entwicklung des Landes zeigen und natürlich auch Kunst. Als letzter Höhepunkt dann Fräulein Lucy, oder besser die Kopien ihrer wenigen Knöchelchen. Ihr Originalskelett liegt wohl konserviert und ist für den Besucher nicht zugänglich. Wir gönnen ihr weiterhin tiefe Ruhe, ungestört von der Hektik der Zeit.

Das war’s!! Das war aber alles nur der Norden, die klassische ‚Historische Route‘. Der Süden muß warten – auf andere Abenteurer.

3.750 km mit dem Bus durch dieses Zauberland. Menschen und Landschaften haben uns in der Tat verzaubert, aber auch sehr zum Nachdenken gebracht. Man wird klein und demütig vor der Geschichte, vor diesen Menschen und ihrem kargen Leben.

Allen sei Dank, die diese Reise nach Äthiopien so wunderbar mitgestaltet haben.

 

 

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