Rotel Reiseblog

Der Norden Perus – unbekannt und einzigartig

Eine Fotostrecke von Roland Kordy

Peru, Land der Inkas, Machu Picchu und Titicacasee, soweit so gut, allen bekannt. 90 Prozent aller Reisenden in Peru befinden sich auf dieser Route. Nicht zu Unrecht, denn die Ziele sind genial und werden seitens der Behörden seit Jahrzehnten gefördert.
Doch Peru ist groß und, mit riesigem Abstand, das einzige Land Südamerikas, das über so viele erhaltene Kulturgüter verfügt, so dass selbst alle anderen Staaten zusammen nicht herankommen. Aber neben den Klassikern im Süden gibt es noch den unbekannten, wilden und ursprünglichen Norden, der Teil des Landes, der die meisten Ausgrabungsstätten vorweist, die schönsten Strände des Landes besitzt und der bis vor wenigen Jahren aufgrund der schlechten Infrastruktur einfach schwer zu bereisen war.  Hier trifft man (noch) keine vollbesetzten Busse mit Japanern, Deutschen oder Amerikanern. Es gibt die unglaublichsten Landschaften, von wandernden Sicheldünen bis zu mit Bromelien bewucherten Baumriesen.

 

 

Darüber hinaus Schluchten, Berge, Karstlandschaften, Eisriesen, gegenüber denen ihre europäischen Verwandten wie Miniaturlandschaften wirken. Dazu eine Kulturgeschichte von über 5.000 Jahren, Großreiche kamen und vergingen, vernichteten sich gegenseitig oder wurden von Naturkatastrophen ausgelöscht. Doch wer waren diese Menschen, die einst die größte amerikanische Stadt errichteten, die Bauwerke aus über 140 Millionen Ziegeln bauten, die sich über 60 Meter in den Himmel reckten, die Schiffe besaßen, die größer waren als die der spanischen Eroberer, die Meister in der Gold und Silberverarbeitung waren? Wir werden es erfahren!
Als wir vor über 7 Jahren die Ausarbeitung  dieser Reise diskutierten, standen auch bei uns viele Fragen im Raum, angefangen von der technischen Machbarkeit bis hin zur Nachfrage. Wir wären aber nicht Rotel wenn wir keine Lösungen für die Machbarkeit finden würden, schließlich zeichnet uns das seit Jahrzehnten aus. Und die Nachfrage war riesig, die Termine sofort ausbucht. Seitdem wird die Reise erfolgreich zweimal pro Jahr in der Trockenzeit gefahren. Sie wurde als Abenteuer-, heute Expeditionsreise konzipiert und die Mischung der Bezeichnung trifft  es auch sehr gut: Gerade in den ersten Jahren – was haben wir Staub geschluckt. Mittlerweile ist der Staub fast überall einer dünnen Asphaltdecke gewichen, das Abenteuer aber geblieben. Oft bedrohlich nah am Abgrund die äußeren Zwillingsreifen, hier und da muss der Truck komplett „abgelassen“ werden, damit er unter den Brücken hindurchpasst oder „gehoben“ werden, um Hindernisse zu meistern. Passierstellen in schwindelnder Höhe sind oft erst nach langem Rückwärtsfahren erreichbar. Rangieren, helfen, schauen, ist so selbstverständlich wie das Amen in der Kirche. Nichts für schwache Nerven und so sind sich alle Rotel-Fahrer bisher einig gewesen, dass diese Strecke, die spannendste ist, die sie je gefahren sind. Und wir reden hier von Profis, die alle mindestens schon zwanzig Jahre Rotel-Erfahrung haben. Noch heute werden wir immer wieder von Einheimischen bewunderungsvoll gefragt, wie wir mit dem „Ding“ um all die Ecken und Kurven gekommen sind.
Dort wo dies, meist der Höhe der Felsvorsprünge geschuldet, nicht möglich ist, steigen wir in kleinere Gefährte um, um zu den Sehenswürdigkeiten zu gelangen. Von denen gibt es auf der Reise so viele, dass ich hier nur drei erwähnen möchte, eine komplette Übersicht findet sich ja im Tagesprogramm.

Der Herr von Sipan
1987 leitet der peruanische Archäologe Alva die Ausgrabung eines Fürstengrabes der Mochica-Kultur. Eine Sensation! Schnell wird klar wie bedeutend der Fund ist. Nachdem 1922 das Grab von Tutenchamun in Ägypten entdeckt wurde, hat es keinen wertvolleren Grabfund weltweit gegeben. Nachdem die Grabbeigaben sehr gut restauriert wurden, können sie nun in einem perfekt errichteten Museum bewundert werden. Über mehrere Etagen wurde die komplette Grabpyramide nachgebaut und wir haben mehrere Stunden Zeit, uns ausführlich mit dieser großartigen Kultur auseinander zu setzten, die die feinste Metallurgie Altamerikas besaß und die im 2 Jahrhundert n. Chr. Techniken verwendete, die in Europa erst Ende des Mittelalters bekannt waren. Pektorale, Kronen, Zepter und Standarten, aber vor allem die Ketten und Ohrpflöcke des Herrschers aus Gold, Silber, Kupfer, Smaragden, Lapislazuli, Muscheln und Edelsteinen versetzen uns in Staunen. Am meisten erstaunt mich persönlich aber, dass dieses Museum bzw. dieser Fund bei uns so unbekannt ist. Für mich persönlich das schönste und beste Museum Südamerikas.

Gocta, der dritthöchste Wasserfall der Welt
Erst 2001 vermessen ist dieser Wasserfall in der Karstlandschaft zwischen Amazonas und Bergwelt ein funkelnder Juwel im Grün des Regenwaldes.  Als wir 2008 das erste Mal den Feldweg Kurve um Kurve hoch krochen, staunten die Einwohner des kleinen Dorfes Cocachimba nicht schlecht: Jeeps, kleine Toyotabusse, heute auch mal ein Mercedes Sprinter, ja Touristen kommen seit 2001 schon einige, mehrheitlich Peruaner, aber ein Truck mit Betten und Küche war wie Wanderdisco und Zirkus in einem. Cocachimba ist ein Dorf mit wenigen Einwohnern, eigentlich stehen alle Häuser um den Hauptplatz, der gleichzeitig auch der Fußballplatz ist, herum. Alle anderen wohnen in Streusiedlungen in den Bergen bei ihren Feldern. Strom ist vor einigen Jahren in alle Häuser gekommen und mit dem Pick-up kommt der „Großhändler“ und beliefert einmal am Tag die 2 bis 3 kleinen Geschäfte. Damals war die Aufregung groß, wer nicht auf dem Feld arbeitete kam und schaute sich das Rotel an. Die Schule kam versammelt vorbei und lud uns nach unserem „Theaterstück“ des Aufbaus ein, um uns stolz ihre Schule zu zeigen und ebenfalls ein improvisiertes Stück, mit viel Gelächter auf beiden Seiten, vorzuführen. Ruhe, Gelassenheit  und Freundlichkeit wird hier groß geschrieben. Freundschaftliche Kontakte wurden geschlossen, die bis heute halten und die unser Reisekonzept so besonders machen. Noch heute stehen wir, wie damals vorab mit Bürgermeister und  Ortsrat besprochen, auf dem Fußballplatz oder wahlweise auf der Plaza de Armas, mitten im Grün der Fußballwiese am Sechzehner mit Blick auf den 771 Meter hohen Wasserfall hinter dem Tor. Oft kommt es abends am Feuer zum Austausch peruanisch-deutscher Weisheiten und Geschichten. Ja und dann ist da natürlich noch der Wasserfall selbst, eine Wanderung von etwa 2 ½ Stunden  bringt uns durch Zuckerrohrfelder und durch den Regenwald bis unter den Wasserfall. Erhabenes Schweigen der Wanderer, danach der verzweifelte Versuch einen  so langen Wasserfall auf ein einziges Foto zu bekommen, gar nicht so leicht. Ein Bad unter dem Fall kann genommen werden, mit etwas Glück auch der seltene rote Felsenhahn erblickt werden. Nach einem stärkenden Picknick geht es wieder zurück.

Der Weg
Der Weg ist das Ziel und wer eine Reise tut, kann etwas erzählen. Es würde den Rahmen sprengen alle Kulturen wie Chachapoyas, Sican, Moche, das Imperium Chimors  mit all ihren Städten, Palästen Pyramiden etc. genauer zu beschreiben, aber der Weg dorthin allein wäre auf dieser Reise schon  Ziel genug: Wenn man in drei Wochen mehrmals die Anden kreuzt, vom Pazifik mit seinen endlosen Sandstränden, der Wüste mit ihren Geröll- und Sandfeldern kommend bis tief hinein in das Amzonabecken  fährt, dorthin wo zur Zeit die Straße Richtung Osten endet und es nur noch zu Fuß oder Boot weitergeht, dann hat man etwas erlebt. Wer dort die Sonne tiefrot untergehen sieht, wer in ein tiefes Tal der Anden schaut und auf der anderen Seite das 2.000 Kurven weiter liegende Etappenziel des nächsten Tages erahnen kann, obwohl gerade erst Mittag ist, wer die Eisriesen der Cordillera Blanca erlebt hat, mit Blaufußtölpeln und Leguanen spazieren gegangen ist, der weiß, daß er auf einem guten Weg ist. Einen Weg, den man nie wieder vergisst.

 

Reise 96b – Expeditionsreise Nordperu

 

 

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